paste© – Kopieren als kulturelle Praxis im Zeitalter der Digitalisierung präsentiert

Dirk von Gehlen ist Autor und Journalist. Bei der Süddeutschen Zeitung leitet er die Abteilung Social Media/Innovation. 2011 veröffentlichte er bei Suhrkamp das Buch „Mashup – Lob der Kopie“. /// FR 12.15-12.45 Uhr

Prof. Dr. Karl-Nikolaus Peifer studierte von 1985 bis 1989 Rechtswissenschaften in Trier und Bonn. Seit 2005 ist er Direktor des Instituts für Medienrecht und Kommunikationsrecht der Universität zu Köln, seit 2006 zudem Direktor des Instituts für Rundfunkrecht an der Universität zu Köln. /// FR 13.15-13.45 Uhr

Dr. Eberhard Ortland ist Assistent der Forschungsgruppe Ethik des Kopierens. Er hat Philosophie, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft in Bochum, Berlin (FU) und Kyoto studiert. /// FR 15.00-15.30 Uhr

Markus Goldbach gründete 2011 zusammen mit Johannes Knabe die Firma PlagScan . Seitdem unterstützt er die Entwicklung und den Vertrieb der hauseigenen Plagiatssoftware, um akademische Redlichkeit und Urheberschutz zu unterstützen. /// FR 15.45-16.15 Uhr

Dr. Heide Volkening studierte Germanistik, Literaturwissenschaft, Philosophie und Pädagogik an der Universität Bielefeld. Seit 2011 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Philologie der Universität Greifswald. /// FR 16.45-17.15 Uhr

Vivien Bronner ist seit 1992 international erfolgreiche Dramaturgin für Film und TV. Seit 2001 hält Bronner als eine der führenden Dramaturginnen des deutschen Sprachraums regelmäßig Seminare und Workshops über Drehbuchschreiben. /// SA 10.15-10.45 Uhr

Prof. Dr. Antonella Giannone ist Professorin für Modetheorie, -geschichte und Bekleidungssoziologie an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Sie promovierte an der Technischen Universität Berlin im Fachbereich Semiotik. /// SA 11.15-11.45 Uhr

Prof. Dr. Frédéric Döhl lehrt an der H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst als Professor für Popularkultur, -medien und -musikproduktion und an der Technische Universität, Dortmund. Der Musiker tritt regelmäßig als Experte für Musikgeschichte und Urheberrecht in den Medien auf. /// SA 12.15-12.45 Uhr

Autorschaft und Urheberschaft: Zitate, Plagiate, Ghostwriter

Wissenschaftliches Arbeiten kommt ohne das Zitieren heutzutage nicht mehr aus. Studierende sind überfordert mit den Anforderungen, die korrekte Quellenangaben mit sich bringt. Im Internet finden sich zahlreiche Texte, die kopiert und umgeschrieben werden. Ab wann plagiiere ich?

Unternehmen wie PlagScan bieten Software an, die akademische Arbeiten auf Plagiarismus hin untersuchen. Privatpersonen können diese Dienste nutzen, ebenso wie Universitäten und Ghostwriting-Agenturen. Diese bieten legal die Vorschrift von solchen Arbeiten an, die dementsprechend genau in ihren Quellenangaben ist, um nicht als Plagiat zu gelten. Genau genommen handelt es sich in diesem Bereich nun nicht um Plagiate, sondern um die Fälschung von Autorschaft. Die Agentur selbst ist dafür nicht verantwortlich zu machen, denn die Abgabe einer bestellten Arbeit ist immer noch Angelegenheit des Kunden. Oder?

Ghostwriting verschleiert den Moment der Urheberschaft eines Werkes. Diese Technik ist gesellschaftlich akzeptiert: Prominente lassen sich ihre Biographien verfassen, Politiker_innen haben ihre eigenen Redeschreiber_innen. Hier lässt die Kraft der Performanz, die körperliche Präsenz des vermeintlichen Autors, jegliche Fragen nach Urhebertum und Authentizität verblassen. Anders im akademischen Bereich: Karl-Theodor zu Guttenberg war nicht der erste Politiker, der sich aufgrund von Plagiatsvorwürfen von seinen Ämtern zurückziehen musste.

paste© möchte sich dem Bereich der Autorenschaft nähern und Gespräche mit Vertreter_innen aus der Praxis führen. Wie funktioniert Plagiatssoftware? Welche Vor- und Nachteile bestehen gegenüber einer händischen Prüfung? Welche Gründe führen dazu, einen Ghostwriter zu beauftragen? Und warum fällt das Kopieren im Zeitalter der digitalen Quellen vielleicht leichter, das Zitieren aber umso schwerer?

Parodie und Kopie am Rande des Weißen Hauses

Eine englische Redewendung lautet: „Imitation is the sincerest form of flattery!” – Nachahmung ist die aufrichtigste Form der Schmeichelei. Gemeint ist, dass der Imitierte gut daran tut, den Akt der Imitation nicht als Affront, sondern als Würdigung der eigenen Person oder Leistung zu betrachten. Immerhin, die Tatsache, dass man imitiert wird, bedeutet schon, dass man einen Grad der Wichtigkeit (oder zumindest Bekanntheit) erreicht hat, der eine Imitation überhaupt möglich macht. Einige Parodien lassen jedoch an der Gültigkeit der Redewendung zweifeln.

Dies ist zum Beispiel bei der Parodie des derzeitigen Pressesprechers des Weißen Hauses, Sean Spicer, der Fall, der in der amerikanischen Show Saturday Night Live (SNL) von der Schauspielerin Melissa McCarthy aufs Korn genommen wird. Der Sketch ist jenen Pressekonferenzen nachempfunden durch die Spicer in den letzten Wochen für Furore gesorgt hat. Optisch ist die Übereinstimmung schon gelungen: Die fettigen Haare sind zu einem flachen Scheitel gelegt, der Anzug passt nicht richtig und auch Mimik und Gestik ist an dem realen Vorbild angelehnt. Inhaltlich orientiert sich der Sketch an dem aggressiven Ton, mit dem Spicer der Presse begegnete. McCarthy attackiert, beleidigt und piesackt die anwesenden Pressevertreter. Die Gags sind mehr oder weniger gelungene Anspielungen auf Trumps bisherige Präsidentschaft.

Ein Kritikpunkt an McCarthys Darbietung ist vielleicht, dass ihre Version des Pressesprechers zu viel brüllt, zu viel gestikuliert und generell zu aufgedreht erscheint. Das richtige Maß zu finden, ist eine Herausforderung mit der sich jeder Darsteller einer gelungenen Parodie auseinandersetzen muss. Denn die Parodie gibt nicht nur ihre Vorlage wieder, sondern transformiert sie auch. Wie der Zeichner einer Karikatur, studiert der Darsteller die Figur und akzentuiert jene Wesenszüge die lustig, merkwürdig oder absurd erscheinen.

Das geht natürlich am besten, wenn die Vorlage bereits markante Erkennungsmerkmale aufweist. An der Fülle von Donald-Trump-Imitationen, die momentan zirkulieren, lässt sich dies ganz gut zeigen. Sie enthalten immer zumindest einige der folgenden Elemente: orange Haut, ‚lustige‘ Frisur, schlechtsitzender Anzug mit zu langer Krawatte, zugekniffene Augen und geschürzte Lippen. Dazu muss noch der Sprach-Duktus übereinstimmen: Kurze Sätze, viele Wiederholungen und die häufige Verwendung der Adjektive „huge“, „great“ und „tremenous“. Diese Übertreibungen dürfen allerdings nicht zu weit ausgereizt werden. Wenn die Kunstfigur seine Identifikation mit der Vorlage verliert, geht der Witz ins Leere. Das Urteil darüber, ob das bei McCarthys Verkörperung von Sean Spicer der Fall ist, sei jedem selber überlassen

Die Imitation relevanter Figuren des politischen Parketts gehört zum Standard-Repertoire der Unterhaltungsshow Saturday Night Live, die als popkulturelle Institution in den USA angesehen werden kann. Eine der erinnerungswürdigsten Darbietungen in diesem Zusammenhang war wohl die Darstellung der damaligen Vize-Präsidenschaftskanidatin Sahra Palin durch Tina Fey im Jahr 2008. Der Clou hierbei: Die Komikerin bediente sich für einen Teil des Sketches wortwörtlich an einem Interview, das Palin zuvor gegeben hatte. Tina Fey reduzierte das Maß an Überzeichnung absichtlich, um die tatsächliche Palin im Kontext einer Satire wirken zu lassen. In Ihrer Darbietung zeigt Fey eine weitere Qualität des Parodistischen auf: Es ‚kopiert‘ eine Figur oder Situation in einen anderen Kontext.

Palins Antworten in dem eigentlichen Interview müssen dem Zuschauer höchsten unglücklich oder besorgniserregend vorgekommen sein. Erst im satirischen Kontext entfalten die gleichen Äußerungen ihre absurde Qualität. Somit ermöglicht es die Parodie eine tatsächliche Situation ins Uneigentliche zu übertragen. Sie erlaubt dem Zuschauer über eine groteske Situation zu lachen, auch wenn ihm im tatsächlichen Fall das Lachen im Halse stecken bliebe. Zum Beispiel, wenn der Pressesprecher des Weißen Hauses im Namen des neuen Präsidenten versucht offensichtliche Unwahrheiten zu verbreiten und offen die Presse attackiert. Und vielleicht ist auch eine absolut übertrieben verzerrte Darstellung notwendig, um der Situation überhaupt noch ein Lachen abzugewinnen.

Verbreitung der Kopie – Fake News

In den Printmedien bekannt als Ente, geistern sie digital durchs Netz: Fake-News. Vor der Bundestagswahl 2017 diskutieren Experten und Politiker, wie sie dem Phänomen begegnen sollen. Die Falschmeldungen werden über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter verbreitet und zwar indem sie faktisch kopiert werden. Der Getäuschte wird schließlich selber zum Täuscher, ohne sich dessen bewusst zu sein, denn Fake-News kopieren in ihrer Aufmachung Eigenschaften von seriösen Nachrichten, operieren mit den gleichen Mechanismen. Daher ist auch ihr Einfluss schwer abzuschätzen. Sind sie in der Lage, bestehende Ansichten zu ändern? Oder tragen Fake-News lediglich dazu bei, Leser in ihren Meinungen zu bestärken?

Facebook setzt auf seine User: zeitnah soll es möglich sein, Fake-News der Plattform zu melden, die dann wiederrum von unabhängigen Experten den Wahrheitsgehalt der Nachricht prüfen lässt. Doch ist das die Lösung? Sind die Verbreiter von Fake-News tatsächlich nur Getäuschte? Meist werden Nachrichten geteilt, die die eigene Meinung untermauern. Ob diese der Wahrheit entsprechen, scheint in der Flüchtigkeit der digitalen Information zweitrangig. Wer sind die Experten, die Wahrheit von Fälschung unterscheiden können? In Deutschland soll dies das Recherchebüro Correctiv übernehmen. Wie unabhängig und objektiv sind solche Unternehmen tatsächlich?

Ob die Verbreitung damit eingedämmt werden kann, scheint fragwürdig, da in den laufenden Prozess, jedoch nicht in den Moment der Urheberschaft eingegriffen wird. Thorbjørn Jagland, Genralsekretär des Europarats, warnt daher vor Interventionen durch die Regierung. Diese könnten als Beschneidung der Meinungsfreiheit interpretiert werden. Ab wann scheint ein solcher Eingriff legitim? Und wo beginnt die Zensur? Was ist freie Meinung, Satire, Fake News? paste© will das Thema mit Medienvertretern, Akademikern und Journalisten erörtern, über weitere mögliche Umgangsformen diskutieren und den tatsächlichen Einfluss von Fake-News näher betrachten.

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Welcome!

#wasistdasfür1tagung

Ja, genau, worum geht’s hier eigentlich?

paste© ist eine wissenschaftliche Tagung des Institus für Medienkultur und Theater, Universität zu Köln, geplant und durchgeführt von einer Handvoll Masterstudenten.

Beraten von Prof. Dr. Brigitte Weingart und PD Dr. Mathias Mertens, arbeiten wir uns durch alles, was eine solche Veranstaltung braucht.

Örtlichkeiten/Sponsoring/Teilnehmer/Corporate Identity/Vortragende/Pressearbeit/Finanzierung/Public Relations/Technik/Catering/Logistik/Social Media/Grafik/etc./etc.

Und vor allem: INHALT. Womit wollen wir uns beschäftigen? Wie groß ist dieses Themenfeld? Welche Bereiche wollen wir abdecken? Und wer könnte euch und uns darüber informieren?

Die Tagung paste© untersucht Kopieren und die damit verbundenen Prozesse von Aneignung, Verdopplung und Umwandlung in ihrer Bedeutung als Kulturtechnik und stellt Fragen nach der Entwicklung dieses Diskurses zur Zeiten der Digitalisierung.

Was bedeuten die überall im Internet verfügbaren Digitalisate von Bildern, Fotografien, Malereien? Welche rechtlichen Bereiche werden hier infrage gestellt? Wieso stellt Remaking eine gängige Praxis in der Filmbranche dar? Welcher Reiz liegt im Remixen und Samplen von Musik?

Wer kopiert wen? Wer kopiert was? Welche Kopien werden gesellschaftlich akzeptiert und unter welchen Bedingungen verliert eine Kopie an Wert? Und wann das Original?

Fragen über Fragen. Wir suchen ein paar Antworten.
Aber vor allem möchten wir, dass auch Ihr euch Fragen stellt.